Westvleteren 12

von in Craft Beer

Behutsam nehme ich die etikettenlose Flasche aus dem Kühlschrank. Der Flur bis zum Wohnzimmer ist verdammt lang und ich versuche, meine Bewegungen so flüssig und stabil wie nur möglich zu halten. Diese Flasche jetzt zu schütteln wäre ein dummer Anfängerfehler. Ich sitze am Esstisch und schaue dem Westvleteren 12 geduldig beim Temperieren zu. So ein Quadrupel trinkt man schließlich bei entspannten 12–16° C. Konzentriert wie ein Kardiovaskularchirurg gieße ich den Inhalt schließlich in den Glaskelch, der Bodensatz legt sich auf den Schaum wie Schokoladenpulver auf den Cappuccino. Es sieht so perfekt aus, dass ich schreien könnte. Ja, ich bin aufgeregt. Das Westvleteren 12 gilt immerhin als bestes Bier der Welt.

Jedes Jahr wird nur eine kleine Menge von den Mönchen der Sankt Sixtus Abtei in Vleteren (Flandern) gebraut. Und spätestens als RateBeer.com das Westvleteren 12 2006 zum „Best beer in the world“ kürte, war es vorbei mit der klösterlichen Ruhe. Seither hat wohl jeder interessierte Bierfan ein To-do auf seiner ultimativen Hopfen-Bucket-List: einmal dieses ehrwürdige Gesöff zu probieren. Kleiner Haken an der Sache: Das Trappistenbier aus Belgien gibt es nicht beim Kiosk um die Ecke. Vielmehr ist es ganz vorn mit dabei, wenn es darum geht, sich ganz hinten anzustellen, denn an eine Flasche zu kommen ist gar nicht so leicht. Einen Vertrieb gibt es nicht und man holt das Bier direkt im Kloster ab. Über ein „Biertelefon“, das nur wenige Stunden pro Woche besetzt ist, muss man den raren Tropfen vorbestellen. Und bekommt ihn dann auch nur streng limitiert: Pro Person kann man maximal zwei Holzkisten mit je 24 Flaschen ordern und muss dazu noch sein Ehrenwort geben, sie nicht weiter zu verkaufen.

Schlicht und unscheinbar: das Westvleteren 12

Der Inhalt zählt: das Westvleteren 12

Der Name ist Programm

Seit 1838 wird in der 1831 von französischen Mönchen gegründeten Abtei gebraut, seit 1931 sind die Biere auch für die Öffentlichkeit zugänglich. Zunächst kamen nur Freunde und Gäste der Abtei in den Genuss, später dann auch die breitere Öffentlichkeit. Selbst während der beiden Weltkriege wurde durchgebraut – und das war durchaus nicht selbstverständlich: Die Deutschen hatten alles verfügbare Kupfer für die Kriegsproduktion eingezogen. Einzig die belgische Abtei hatte Glück und konnte damals als einzige Brauerei weiterhin in Kupferkesseln arbeiten. Heute ist das Westvleteren 12 das einzige Trappistenbier, das noch ausschließlich von Mönchen hergestellt wird.

Um sich „Trappisten-Brauerei“ zu nennen, muss das Bier im Kloster gebraut werden und der Brauprozess unter der Aufsicht der dort lebenden Mönche stattfinden. Zudem muss ein Großteil des erwirtschafteten Gewinns sozialen Netzwerken und Projekten zu Gute kommen. Die Sankt Sixtus Abtei ist also keine rein kommerzielle Brauerei und das Volumen seit 70 Jahren relativ niedrig und stabil. Seit 1946 liegt der jährliche Ausstoß unverändert bei 4750 Hektolitern, was 60.000 Kästen entspricht. Zum Vergleich: Beck’s hat einen jährlichen Ausstoß von 7,9 Millionen Hektolitern, die Hamburger Brauerei Ratsherrn liegt bei 50.000 Hektolitern pro Jahr.

Heute gibt drei Sorten des Westvleteren, deren Flaschen sich äußerlich nur durch die Farbe der Kronkorken unterscheiden:

  • Westvleteren 6, ein Belgian Blond Ale mit 5,8 % vol. (grüner Kronkorken)
  • Westvleteren 8, ein Belgian Strong Ale (Tripel) mit 8 % vol. (blauer Kronkorken)
  • Westvleteren 12, ein Quadrupel mit 10,2 % vol. (gelber Kronkorken)

Doch wie das oft so ist, wenn es einen Hype um etwas gibt: Die Verfügbarkeit des Bieres ist mittlerweile wohl etwas besser, als es den Mönchen vielleicht lieb ist… Wer etwas recherchiert, wird einige Onlineshops finden, die diese belgische Braukunst anbieten. Von einem Versand per Post rate ich persönlich allerdings ab, da eine fachgerechte Lagerung (kühl, dunkel und aufrecht stehend) nicht garantiert werden kann.

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Dubbel? Tripel? Quadrupel?

Was zum Geier ist aber eigentlich ein Quadrupel? Nun, es ist ein Bier, das stärker ist als ein Tripel. Ein Tripel wiederum ist stärker als ein Dubbel. Alles klar soweit? Fangen wir mal unten an: Bis Ende des 19. Jahrhunderts hat die belgische Trappistenbrauerei Westmalle ein eher leichtes und helles Bier für die Mönche gebraut, das unkompliziert zu konsumieren war. Dann gab es eine neue Sorte, die dunkler (Brown Ale bzw. bruin) und stärker war, und bevor man sich einen ganz neuen Namen ausdachte, machte man es sich und anderen einfach: Dubbel, also doppelt so stark und dunkel. Diese Bezeichnung wurde später aus Marketinggründen auch von anderen Brauereien übernommen.

Während ein Dubbel bei 6–8 % vol. liegt, ist ein Tripel logischerweise stärker und bewegt sich meistens zwischen 7,5–9,5 % vol. Ein Tripel wird generell als Strong Ale bezeichnet und muss nicht automatisch so dunkel sein wie ein Dubbel. Könnt Ihr noch folgen? Gut. Ein Quadrupel ist demnach noch stärker als ein Tripel und geht ab 8 % vol. los. Der Begriff Quadrupel ist als Stilbezeichnung allerdings nicht ganz unumstritten und kann nicht unbedingt als offizielle Bezeichnung eines Bierstils gesehen werden. In Belgien werden diese Biere auch als gran cru bezeichnet, also Produkte höchster Qualität, wie zum Beispiel auch manche Käse oder Weine.

Der Geschmack

Ich weiß, ich weiß. Der wichtigste Faktor eines und vor allem dieses Bieres ist und bleibt der Geschmack. Ich könnte jetzt ausholen und das Produkt in seine molekularen Einzelteile zerlegen. Der Antrunk, die Würze, die Rezeption, das Aroma. Doch das würde Euch vielleicht voreingenommen an das Bier heranführen. Meine Erwartungen waren enorm und ich wusste vorher nichts über den Geschmack und wollte die Sache so jungfräulich wie möglich angehen. Und sagen wir mal so: Meine Erwartungen wurden erfüllt und in einigen Punkten sogar übertroffen.

Ob es nun wirklich das beste Bier der Welt ist, muss jeder selbst entscheiden, denn jeder hat eigene Kriterien dafür. Mal ist das ein Bier, das man immer wieder trinken will oder eines mit einer besonderen Geschichte, das man in einer einzigartigen Situation mit einem besonderen Menschen getrunken hat. Ich zum Beispiel habe längst meine Wahl getroffen. Und dennoch: Das Westvleteren 12 ist ein Top-Bier mit guter Geschichte, für das sich der nächste Trip nach Belgien in jedem Falle lohnt.