Bildband „Modern Color“ – Vancouver analog

von in Fotografie

Es gibt Dinge, die hoffentlich niemals aussterben werden. Und dazu gehört für mich die analoge Fotografie. Auch wenn diese Technik in der hastigen Zeit von heute immer weniger Anklang findet, sind es genau diese Fotos, die ich mir immer wieder am liebsten anschaue. Kein Display für die direkte Kontrolle des Bildes, kein automatisches Programm für die richtige Belichtungszeit und Blende. Film einlegen, Bild für Bild weiterdrehen, Film aufrollen, ratsch ratsch. Analog ist das Craft Beer der Fotografie. Ein ziemlich guter Beweis dafür lag dieses Jahr für mich unter dem Weihnachtsbaum.

Fred Herzog hat mit seinem Bildband Modern Color (Hatje Cantz Verlag) nicht nur sein Lebenswerk der analogen Fotografie veröffentlicht. Er widmet sich auch einer ganz bestimmten Stadt, nämlich meiner Lieblingsstadt und zukünftigen Wahlheimat Vancouver. Ein Ort, den ich seit über 20 Jahren bereise und mich an seinen Kontrasten nicht satt sehen kann. Herzog hat Vancouver ab Ende der 1950er mit seiner 35 mm Leica festgehalten. Vorzugsweise im Bereich um Dunsmuir, Hastings, Robson und Pender. Und natürlich China Town. Er hatte immer das größte Interesse an Orten, die „entzückend schäbig und farbenprächtig“ sind. Und die kanadische Metropole schien zu dieser Zeit perfekt dafür gewesen zu sein.

Der gebürtige Stuttgarter kam 1952 mit einem Schiff nach Montreal und fand 1953 über Toronto seine neue Heimat an der Westküste Kanadas. Der Autodidakt brachte sich das Fotografieren selbst bei und arbeitete ab 1957 als medizinischer Fotograf im St. Paul’s Hospital. Doch es zog ihn immer wieder auf die Straße. Und dort verknipste er jede Woche zwei Kodachrome-Filme. Bis zum Ende seiner aktiven Zeit sollen so bis zu 100.000 Aufnahmen in knapp 30 Jahren entstanden sein.

Farbfotografie war zu der Zeit noch kein ernsthaftes Medium und wurde eher auf Motiven angewandt, die in der Allgemeinheit für schön befunden wurden: Sonnenuntergänge, Landschaften. Doch den Wahl-Kanadier reizte etwas anderes: Der Alltag mit seiner Anonymität und Spontaneität war es, der die besten Kontraste lieferte.

Ich kann mich nicht satt sehen an seinen Bildern. Sie motivieren mich sehr, selbst mal wieder mit der Praktica BCC oder der Canon AE-1 durch die Straßen zu ziehen. Vielleicht mal wieder Menschen fotografieren, die in die Ferne starren. Und dann vergesse ich sicherlich, den Film entwickeln zu lassen. Ein Jahr, zwei Jahre. Bis ich nicht mehr weiß, was da eigentlich drauf ist. Auch das gehört dazu.

Dieses Buch ist nicht nur ein fantastisches Coffee Table Book. Es inspiriert, lässt mich in Erinnerungen schwelgen und definiert für mich Schönheit auf eine andere Weise. Oder um es mit Schism von Tool auszudrücken: „Finding beauty in the dissonance“. Dieser Bildband ist wahrlich ein großartiges Geschenk.

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