Hamburg bei Nacht

von in Fotografie Unser Hamburg

Es ist schon ein paar Jahre her, als ich nachts durch Hamburg zog, um Fotos zu machen. Mit einigen anderen Jungs und Mädels, die auch nicht schlafen konnten, streunten wir durch die abgelegenen Orte dieser Stadt, bewaffnet mit Bier und Stativen. Wir sezierten den Freihafen, turnten durch die Baustellen der HafenCity und waren mit Sicherheit auch der Security am Flughafen ein Dorn im Auge. Doch es entgeht einem etwas, wenn man nicht mindestens den Freihafen nach Sonnenuntergang erlebt hat.

Hamburg, Stadt im Norden. Tagsüber diesig, nachts so wunderschön wie Aphex-Twin-Video auf einem Röhrenfernseher. Eine Hommage an die weltbeste Stadt Hamburgs.

aussenalster

Außenalster, irgendwann nachts

Ein Polizeiboot auf der Außenalster? Wofür, werden sich viele Fragen. Was viele nicht wissen: die Alster ist das Zentrum des Terrors. Da liefern sich Surfer beim Orkan Xaver gerne mal illegale Rennen. Ganz zu schweigen die Tretboot-Schläferzelle, die nur darauf wartet, Auffahrunfälle mit Optis zu provozieren.

Wenn im Winter die Alster zufriert, kommt die halbe Stadt, schiebt sich über das Eis und freut sich einen Ast. Mitte der Neunziger war das Eis so dick, dass dadurch ein neuer Verkehrsweg entstand. Ich wohnte noch in Winterhude und wir konnten über das Eis ohne Probleme vom Jungfernstieg bis zum Lattenkamp laufen. Vorbei an dem Loch unter der einen Brücke, wo ein Rollerfahrer eingebrochen und meterweit unters Eis gefahren ist. Ich habe Freunde in Alsterdorf besucht und mächtig an Zeit gespart. Wir erfreuten uns an den Soundeffekten, die das krachende Eis nachts machte, während wir in der Mitte der Alster standen. Angst kannten wir nur von unseren Eltern, die davon nie etwas erfuhren.

S-Bahn-Brücke Schulterblatt

S-Bahn-Brücke Schulterblatt

Es gibt nicht wenige, die wie ich der Meinung sind, dass das hier das schönste Graffiti der Stadt war. Wobei die Schönheit hier von innen kam. Eher war es ein Statement und beschreibt die Entwicklung der Stadt und des Viertels sehr gut. Denn kurz nach diesem Foto entstand hier eine zwölfschichtige Plakatwand, auf der heute R’n’B-Partys in Pinneberg und Schenefeld beworben werden. Der Rest ist Geschichte.

Flazy / Fork Basement

Flazy / Fork Basement

DJ Flazy, hart am Plattendreher, legt die Scheibe der Geschichte auf. Fork Basement – das ist eine Ära, die nun zu Ende ging. Mitten in der Schanze, unweit des Schulterblatts gab es einen Ort nur für ausgewählte Gäste. Erreichbar über eine geheime Leiter, vorbei an einem russischen Riesen, der beim Codewort keine Dialekte zuließ. Viereinhalb mal an die Tür klopfen, Gesichtskontrolle passieren und man gehörte zum Club der Ewig Morgigen. Kicker, Tresen und konspirative Gespräche über Schnaps und Internet. Nur wer dabei war, war dabei.

Irgendwo im Freihafen

Irgendwo im Freihafen

Lauf, Atreyu!

Lauf, Atreyu!

Ich wurde schon oft gefragt, was man in Hamburg den noch so schönes machen kann, außer den König der Löwen und auf’n Michel klettern. Hier ist mein Tipp für alle, die diese Stadt wirklich kennenlernen wollen: fahrt mit dem Auto nach Sonnenuntergang durch den Freihafen, biegt an jedem Schuppen ab, bis ihr am Wasser oder in einer unheimlichen Sackgasse steht. Ihr seht die Stadt nicht nur von der anderen Seite. Die verlassenen Schuppen und Häuser bieten genug Stoff für euer Tagebuch. Holt tief Luft, genießt den Duft von Hopfen, Kaffee oder vollen Windeln (oder frisch gebackenes Brot? Riecht beides erschreckend ähnlich). Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man denken, hier wurde Fight Club, 1984 und Blade Runner gedreht.

Es gibt nicht viele Orte, die mich nach so vielen Jahren und Besuchen immer noch so faszinieren. Der ausgebombte U-Boot-Bunker war schon ein Trip für sich. Über den Zaun geklettert, durch einen schmalen Spalt gequetscht und unter der zerbombten Betondecke Didgeridoo gespielt, während man aufs Wasser schaute. Das waren die Neunziger, das ist Industrieromantik.

Café Keese, Reeperbahn

Analog-Keese

Molotow.Hamburg

Chris und Olaf machen Musik

Das Molotow. Einst der beste Metalschuppen der Stadt Welt, heute die einzig legitime Indie-Tanzdiele. Wenn man denn Indie mag. Diverse Male totgesagt, gekündigt und jetzt gibt es schon wieder einen Termin. Damit würde die beste Bühne für Clubkonzerte verschwinden. Nie wieder würde man sich bei DJ Olaf etwas von Zuwasmanguttanzenkann wünschen. Das Molotow ist die Jugend von fast uns allen hier. Hier haben sich Bands gegründet und auch wieder aufgelöst. Dieses einmalige Gefühl, morgens aus dem Keller zu kriechen, um von der Sonne direkt eine reingedrückt zu kriegen – unbezahlbar.

Die Band auf dem Foto gibt es in dieser Form nicht mehr. Doch die beiden Jungs haben eine Neue und die klingt so.

Rödingsmarkt, Hamburg

Ausgebremst am Rödingsmarkt

Hamburg hat natürlich auch seine Schattenseiten. Möchte man ein Foto machen und bereitet sich dafür lange vor (Stativ auspacken, Stativ auseinander ziehen, Stativ verfluchen), bremst dir gerne mal ein Taxi direkt ins Motiv. Man möchte ausrasten.

Man übersieht und überhört oft, was hier alles nachts in der Luft liegt. Die Lichtglocke vom Millerntor, das Grundrauschen des Freihafens, das noch in Winterhude zu hören ist. Schon als Kind habe ich deshalb so gerne mit offenem Fenster geschlafen, weil mich dieses Gegrummel beruhigt hat. Gut, morgens kam dann der 109er Bus mit seinem Tageslicht vorbei und brüllte mir ins Gesicht. Es ist eben nicht alles eitel Mondschein.