Einfach mal selbermachen

von in Craft Beer

Lange ist es noch nicht her, als der eigene Qualitätsanspruch noch überschaubar war. Beim Feiern war nicht die Marke des Bieres, sondern der Preis wichtig. Die Zutaten beim heimischen Kochen mussten nicht unbedingt vom Bauernhof mit Bio-Siegel stammen. Hauptsache ich wurde satt, hatte Spaß und das möglichst für kleines Geld. Heute sieht das alles anders aus. Da interessiert mich die Geschichte hinter einer Marmelade, die die Mutter einer Bekannten herstellt und in Hamburg und Umgebung vertreibt (und fantastisch schmeckt). Stundenlang könnte ich mich über die Zubereitung von Eintöpfen unterhalten. Genuss ist mittlerweile mein Lieblings-Small-Talk. Und eine besonders große Freude macht mir, wer mir etwas Selbstgemachtes schenkt.

Jens ist so ein jemand, der mir hin und wieder etwas mitbringt. Er ist ist nicht nur mein Ex-Arbeitskollege und langjähriger Freund. Er ist auch ein guter Koch und mittlerweile auch Hobby-Brauer. Über die Jahre haben wir nicht nur gemeinsam am Herd und im Stadion gestanden – auch wenn unsere Vereine verschiedener nicht sein können (mein Hamburg ist halt nicht braun-weiß). Auch das Bier an sich war schon immer eins unserer Lieblingsthemen. Durch Jens habe ich sogar den Absprung von der Kneipenplörre wie z.B. Beck’s hin zu Jever geschafft, das seitdem mein Alltagsbier ist. Nun hat Jens wieder mal ein Bier gebraut, mir ein Pröbchen vorbeigebracht und ich konnte gespannter nicht sein, mir die 1-Literflasche mal von innen anzuschauen.

Jens dem sein selbstgebrautes Bier

Jens dem sein Bier: herb und ungefiltert.

Stundenlange Arbeit, wochenlanges Warten –
für ein paar Minuten Hochgefühl

„Ich könnte jetzt ausschweifen und darüber sinnieren, wie gut er die Stammwürze getroffen hat, der Hopfen so schön durchkommt und wie die leichte Karamellnote mit dem Honig tanzt. Wie schön herb das Bier daherkommt und dennoch seine Süße behält. Doch leider wird man dieses Bier nirgends kaufen können oder trinken können, außer eben bei Jens tu huus. Viel mehr geht es mir darum, dass jemand Stunden investiert und wochenlang wartet, um am Ende ein Ergebnis in den Händen zu halten, das er theoretisch auch für ein bis zwei Euro im Laden umme Ecke bekommen könnte. Es geht darum, dieses Ergebnis mit einem Bewusstsein zu konsumieren, das diese Arbeit würdigt.

Ich könnte mir die Frage stellen, ob sich so eine zeitaufwendige Arbeit lohnt. Beim Kochen ist es ja oft nicht anders. Stundenlang steht man in der Küche, hat aus zig verschiedenen Geschäften die besten Zutaten besorgt, schnippelt, dünstet, wartet auf die richtigen Garpunkte, um dann nach zwanzig Minuten die Teller wieder abzuräumen und mit Schweinelähmung nach ’nem Schnaps zu betteln. Doch, was zählt, ist der Moment und dieser ist nun mal keine messbare Zeiteinheit.

Kochen, backen, brauen – wie viel Hipster steckt in dir?

Genau deshalb finde ich die Craft-Bewegung so spannend und vor allem wichtig. Klar, Hipster hier, Bio da, jeder Trend hat seine Kritiker. Ich finde auch, dass es hier und da übertrieben wird. Doch der Grundgedanke ist das Grundbedürfnis der Menschen: Etwas bauen, herstellen und zubereiten, um zu überleben. Wie das ein Trend werden konnte, verstehe ich eh nicht. Es gibt wirklich Leute, die zu mir sagten, Kochen sei ja gerade voll der Hype. Was kommt als Nächstes? Wer isst, ist Yuppie? Atmen ist der neue Prenzlauer Berg? Wenn unzählige Kochshows und Bio-Burger dazu geführt haben sollten, dass man seine Speisen wieder selbst zubereitet und man zwei mal überlegt, was man gerade in sich reinstopft, dann bin ich in dieser Beziehung gerne Gentrifizierer.

Ich schweife ab, geht es hier doch um Jens‘ Bier und die Geste an sich, dass er mir damit eine Freude gemacht hat. Dass wir uns gegenseitig und uns selbst mehr von diesen Freuden machen sollten. Mal ein Brot backen, eine Marmelade kochen, Freunde einladen und bekochen. Neue Rezepte ausprobieren, entwickeln oder verfeinern. Es freut mich schon, wenn eine Freundin zu mir kommt und sagt, dass sie jetzt doch langsam Spaß am Kochen findet. Hat sie es doch seit jeher gehasst. Und wer keinen Bock auf Selbermachen hat, der kommt dann halt zum Essen. Denn, ohne Publikum kein Konzert.

Wer es übrigens anders herum haben möchte, also wenig Aufwand und längerer Genuss, dem empfehle das Herstellen von Senf. Ein gutes Rezept, wenn nicht sogar das Beste, gibt es demnächst hier.