Auf der Suche nach dem stillen Örtchen

von in Auf Reisen Fotografie

Ich hätte gerne einen Zufluchtsort. Ein Ort, an dem ich abschalten und runterfahren kann. Ein Ort, an dem ich ein- oder zweimal im Jahr nur für mich bin. Diesen Ort suche ich noch – und es ist gar nicht so einfach ihn zu finden, wenn man nicht ins Ausland fliegen will.

Zugegeben: Dass ich Lust auf zwei Tage Auszeit habe, das fiel mir vor ein paar Wochen reichlich spontan ein. Ich wollte kein Hipster-Hotel mit durchgestylten Zimmern und jungen und erfolgreichen Menschen. Und auch keine Sitzwürfel in der Lobby. Etwas Solides sollte es sein, weiter draußen und mit schlechtem Handyempfang. So kurzfristig war natürlich alles an Nord- und Ostsee ausgebucht. Und so landete ich schließlich im Forsthaus Seebergen am Lütjensee: ein entzückendes Hotel mit Ziegen und Gänsen nordöstlich von Hamburg. Eine Empfehlung für eine Reise dorthin ist das aber noch lange nicht.

Denn die Vorstellung, die ich mir von diesem Hotel machte, als ich über die Website buchte, war weitaus romantischer als die Realität. Vorab: Es war nett. Doch irgendwie möchte ich selbst bestimmen, wann irgendwo die Zeit stehen bleibt.

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Aber von vorn: So richtig willkommen habe ich mich von Anfang an nicht gefühlt. Die Rezeption ist im Restaurant versteckt, wahrscheinlich war ich auch der Erste, der dort jemals mit einer Nike-Sporttasche eingecheckt hat. Es ist ein Forsthaus, ich kenne das noch von früher aus dem Schützenverein. Die meinen das hier wirklich ernst mit den Hirschgeweihen. Die Hausdame begrüßt mich wortkarg aber freundlich und führt mich genau so gesprächig zu meinem Zimmer in einem äußerlich bezaubernden Haus mit Brunnen im Garten. „Zimmer 11, bitteschön“, sagt die Dame. Keine Einführung, keine Information zu den Frühstückszeiten. Ich empfand mich schon selbst als frech, danach zu fragen.

Ich will mich nicht beschweren. Dieses Hotel erhebt gar nicht den Anspruch, jungen Menschen zu gefallen. Das Durchschnittsalter auf dem Hotel-Campus liegt so beim ZDF-Fernsehgarten, die Betten sind mit zusätzlichen Gummilaken bezogen. Wer wie ich einmal in der Altenpflege gearbeitet hat, geht damit pragmatisch um. Auch wenn es nicht zum Komfort beiträgt. Man muss es auch so sehen: Wo gibt es heute noch Hotels, die älteren Menschen ein so passendes Umfeld bieten? Selbst das Restaurant hat sich voll und ganz auf die gutbürgliche Küche eingeschossen. Es gibt Wild, es gibt Ente, es gibt Käsekuchen und keinen Cheesecake. Schon wieder ganz geil, irgendwie.

Was passiert drumherum? Wenig bis gar nichts. Am anderen Ufer läutet ein Mann laut eine Glocke. Ziegen und Enten kommen, um gefüttert zu werden. Gänse feiern eine Party auf dem Lütjensee, der wirklich lütt ist. Ansonsten schaut man einer Gesellschaft beim Ankommen zu, die mit einem Reisebus angereist ist und den Festsaal vermutlich für eine goldene Hochzeit gemietet hat. Ich sitze im Außenbereich des Restaurants, trinke ein Kännchen Bier und schaue den vollgemopsten Enten beim Mittagsschlaf zu. Eigentlich genau das, was ich wollte – aber irgendwie auch nicht. Ich fühle mich wie ein Außenseiter mit meiner Harrington-Jacke, Hornbrille und Spiegelreflex. Ich bestelle Matjes „Hausfrauen-Art“ und schlage wild nach den Wespen, um wenigstens etwas dazuzugehören. Ein paar Tische weiter wurde eine Frau von einer Wespe gestochen und fragt nach einer Zwiebel. Bevor es hier noch eskaliert, bezahle ich und gehe spazieren.

Den See hat man in zehn Minuten umrundet. Ein paar Privathäuser, eine Landstraße und ein Hof mit einer Handvoll Schafen – mehr gibt es hier nicht zu sehen. Wer nicht ein paar Kilometer weiter zum Großensee fährt, muss sich mit der kleinen Pfütze begnügen, die in der Dämmerung allerdings sehr charmant daher kommt.

Es wird Zeit für das Abendessen. Ich sitze alleine im Außenbereich, es dauert lange, bis der Service auf mich aufmerksam wird. Genauer: eine Stunde. Während drinnen Familien und Pärchen Suppe mit Klößchen und Wild essen, genieße ich eine gar nicht so schlechte Entenkeule mit Knödeln und Rotkohl, der aber irgendwie ein bisschen zu viel Zimt abbekommen hat. Ich bezahle und gehe aufs Zimmer.

Die Nacht schlafe ich nicht gut, was nicht am knisternden Bettlaken oder dem ächzenden Gebälk des Hauses liegt. Auch nicht an der Stille oder der beinahe totalen Dunkelheit, die nur von den fernen Himmelsstrahlern des Trittauer „Fun-Parc“ zerschnitten wird. Ich kann nicht schlafen, weil ich weiß, dass ich der einzige bin, der noch wach ist. Verdammter Stadtkind-Hospitalismus. Wie früher, wenn Mutti auf dem Flur noch das Licht brennen ließ, damit ich pennen kann. Zerknittert wache ich auf und entscheide mich nach nur einem Tag dazu, wieder auszuchecken. Die Dame an der Rezeption fragt gar nicht erst, warum ich früher abreise als geplant. Ich hätte auch keine richtige Antwort, außer, dass wir beide insgeheim wissen, was hier Phase ist: Das ist hier nix für mich und ich bin nix für euch, und das ist noch nicht einmal schlimm. Man bleibt hier unter sich. Solche Orte muss es geben.

Ich für meinen Teil mache mich weiter auf die Suche nach meinem stillen Örtchen. Etwas mit Charme, einem etwas jüngeren Publikum und mit etwas mehr Wasser. Falls also jemand einen Tipp hat, immer her damit. 

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