Auf der Suche nach dem stillen Örtchen, Teil 2

von in Auf Reisen Fotografie

Büsum im November, das ist Schrödingers Katze der Stille. Zu dieser Jahreszeit ist es hier so gut wie ausgestorben. Und dann faucht einem auch noch die Nordsee so gnadenlos ins Gesicht, dass man direkt die Klappe hält. Ist Büsum im Sommer ein Umschlagplatz für wattwandernde und krabbenpulende Reisegruppen, trifft man hier im späten Herbst nur ein paar Multifunktionsjackenpaare. Nach meinem ersten (und leider gescheiterten) Versuch, einen Ort zu finden, an dem ich mal drei Tage meine Ruhe habe, hatte ich große Erwartungen an Büsum. Und ich sage mal so: Diesmal wurde ich nicht enttäuscht. Aber der Reihe nach.

Das Wetter ist so richtig beschissen. Eine Mischung aus Dauerregen und diesem Nieselregen, der so fein ist, dass er einfach nur nervt. Dazu Wind von vorne und keine Anzeichen, dass sich das bald wieder ändern wird. Ich freue mich darüber, denn ich habe großes Glück mit meinem Hotelzimmer: stabiles W-Lan, großer Fernseher und eine erschwingliche Minibar. Zum „machen können, was man will“ gehört auch immer ein „sein lassen können, was man nicht will“. Ich will erst mal nicht vor die Tür. Ich will abhängen und den Regen aufs Dach tropfen hören.

Die Zeit vergeht hier so langsam, dass mein Körper schon zur Rentner-Uhrzeit nach Essen schreit. Es es ist halb sechs, das eh schon gedimmte Licht draußen ist endgültig ausgegangen. Mit hochgestelltem Kragen schiebe ich mich durch den Nieselregen. Dicke Tropfen sammeln sich auf der Brille. Ich sehe drei Menschen in der Fußgängerzone und wir starten spontan einen Contest, wer bei diesem Wetter angestrengter gucken kann.

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Ich gehe in das Restaurant „Am Park“, das von draußen voll gemütlich aussieht mit seinen beschlagenen Scheiben und dem rustikalem Seemanns-Charme. Es gibt Grünkohl – ja, wie geil! Drinnen dann das: Im Hintergrund läuft Radio, „Hyper Hyper“ von Scooter, Verkehrsmeldungen. Der Grünkohl ist grauenhaft, der Service wiederum sehr nett. Am Nebentisch erzählt Jana ihrer Familie, dass sie in letzter Zeit viele Janas kennengelernt hat. Alle heißen anscheinend jetzt Jana, wundert sie sich. Ihre Mutter ist glücklich ob ihrer guten Namenswahl. Ich verzichte auf ein Dessert und schleppe mich durch den Niesel zurück ins Hotel. Genug Aufregung für den ersten Tag.

Der nächste Morgen. Frühstücken in Hotels ist ja so eine Sache. Die Gläser für den Orangensaft sind immer zu klein, ebenso die Teller für den ganzen Aufschnitt. Generell ist einfach überall viel zu wenig Platz. Auswärts frühstücken ist zu dieser Jahreszeit hier aber keine Option, denn halb Büsum befindet sich bereits im Winterschlaf. Also teste ich das Frühstück im Hotel und finde es gar nicht so schlecht. Das liegt an mehreren Dingen. Erstens: Ich bin alleine im Frühstücksraum. Nur ich, sehr lauter Rock ’n Roll aus dem Radio und Heinz Rühmann im Fernseher. Ich bestelle etwas von den mir angebotenen „Eierspeisen“. Ein Wort, das ich noch nie mochte. Es klingt irgendwie nach Joghurt oder Ei am Stiel. Aber vielleicht verstehen die Gäste „Haben Sie Lust auf Eier?“ einfach immer falsch.

Nach dem Frühstück packe ich die Kamera ein und laufe gegen den Wind am Deich entlang. Die Nordsee brüllt. Und obwohl es gerade nicht regnet werde ich nass. Das Meer sabbert mir ins Gesicht. Der Nebel verhängt alles, was höher als zwei Meter ist. Und das Beste ist: Ich bin ganz allein hier. Als sich dann doch die ersten Spätaufsteher ans Wasser verirren, flüchte ich in den Ortskern und schleiche auf der Suche nach Fotomotiven durch die Gassen. Dabei fällt mir auf, dass Büsum eigentlich überhaupt nicht schön ist. Diesen Anspruch aber wahrscheinlich auch nicht hat. Denn hier ist einzig die Küste der Star. Oder im Sommer sieht es hier komplett anders aus, ich weiß es nicht mehr. Mein letzter Besuch ist über 20 Jahre her.

Das viele Abschimmeln im Hotelbett hat meinen Rücken strapaziert und ich mache einen Termin in Wilawan’s Wellness Tempel. Meine Erwartungen sind nicht hoch, ist das Klientel hier doch eher, sagen wir mal, etwas zerbrechlich. Und eine gute Thai-Massage erfordert einen robusten Körper. Aber statt einer Wellness-Streichelkur bekomme ich eine der besten Massagen, die ich je hatte. Donnerknispel! Dafür würde ich sogar extra aus Hamburg anreisen.

Gegen Abend klart es auf und es ist nahezu windstill. Gegen halb sechs gehe ich zum Strand, um ein paar Nachtaufnahmen zu machen. Es ist stockduster und selbst die Flutlichter auf dem Deich können nur einen bedingten Bereich ausleuchten. Hinter mir geht der Mond auf, noch einen Tag nach dem „Supermond“ ist er riesig. Nebenan bricht das Licht des Leuchtturms diffus in den dunklen Himmel. Und wieder: Niemand ist hier unterwegs. Es ist Ebbe und die Nordsee endet ein paar hundert Meter vor der Küste. Ihr Rauschen ist dennoch bedrohlich laut, es klingt wie die Schlacht um Helm’s Klamm. Ein wenig furchteinflößend ist es, aber auch einfach wunderschön. 

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